Deutsche Filmgeschichte ist reich an eindringlichen Geschichten und unvergesslichen Charakteren. Zwei Namen, die sich in dieses Geflecht besonders eindrücklich eingewebt haben, sind Katja Riemann und Heino Ferch. Obwohl sie nie ein langjähriges Leinwand-Duo wie etwa ein Romy Schneider und Alain Delon bildeten, stehen sie beide, jeder auf seine unverwechselbare Art, für Qualität, Vielseitigkeit und eine gewisse intellektuelle Tiefe im deutschen Kino. Dieser Artikel taucht ein in ihre parallelen und sich manchmal kreuzenden Wege, betrachtet ihre Karrieren, ihre prägenden Rollen und die Menschen hinter den öffentlichen Bildern.
Karriere & Durchbruch: Zwei unterschiedliche Wege zum Ruhm
Ihre Wege zum Erfolg könnten zunächst unterschiedlicher nicht sein, doch beide führten in die erste Liga des deutschsprachigen Films.
Katja Riemann, geboren 1963 in Bremen, ist ein klassisches Beispiel für eine von der Musik zur Schauspielerei gefundene Künstlerin. Ausgebildet zur Opernsängerin an der Hochschule für Musik und Theater Hannover, wechselte sie quasi die Bühne. Ihr Leinwanddebüt gab sie 1988, aber der wahre Durchbruch kam 1992 mit der Oscar-nominierten Komödie “Schtonk!”, in der sie die verführerische Sekretärin Marie darstellte. Riemann etablierte sich sofort als intelligente, facettenreiche Darstellerin, die sowohl komische als auch dramatische Nuancen meisterhaft beherrschte. Ein weiterer Meilenstein folgte 1994 mit der Serie “Bella Block”, in der sie in der Titelrolle die unkonventionelle Kommissarin verkörperte und zur Ikone des qualitativen deutschen Fernsehkrimis wurde.
Heino Ferch, Jahrgang 1963 in Kiel geboren, nahm einen traditionelleren schauspielerischen Weg. Nach seiner Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München durchlief er das klassische Theater-Engagement, unter anderem an den Münchner Kammerspielen. Sein Kinodurchbruch war spektakulär und prägte sein Image nachhaltig: 1993 spielte er in Joseph Vilsmaiers monumentalem Bergdrama “Schlafes Bruder” den fanatischen Dorflehrer Elias. Mit dieser düsteren, physisch intensiven Rolle bewies Ferch seine immense Präsenz und sein Talent für zerrissene, kraftvolle Charaktere. Es war der Startschuss für eine Karriere, in der er oft den Mann zwischen Pflicht, Leidenschaft und Abgrund verkörperte.
Prägende Filme & Gemeinsame Projekte
Die Filmografien von Riemann und Ferch lesen sich wie ein Who-is-who des ambitionierten deutschen Kinos der 90er und 2000er Jahre.
Katja Riemanns wichtigste Werke umfassen:
- “Schtonk!” (1992): Der satirische Durchbruch.
- “Abgeschminkt!” (1993): Ein kultiger Frauenfilm, der eine Generation prägte.
- “Die Apothekerin” (1997): Als tatkräftige Titeldrohne zeigte sie ihr komödiantisches Timing.
- “Rosenstraße” (2003): Unter der Regie von Margarethe von Trotta spielte sie eine Frau im Widerstand gegen die Nazis und bewies erneut ihr Gespür für historisch-politische Stoffe.
- “Inglourious Basterds” (2009): Ihr kurzer, aber einprägsamer Auftritt in Quentin Tarantinos Weltkriegsepos unterstrich ihre internationale Strahlkraft.
Heino Ferchs markanteste Rollen sind:
- “Schlafes Bruder” (1993): Der düstere Durchbruch.
- “Comedian Harmonists” (1997): Als ambitionierter Gründer des Ensembles, Roman Cycowski, zeigte er seine elegante, charismatische Seite.
- “Der Untergang” (2004): Seine Darstellung des Luftwaffenobersts Nicolaus von Below in Oliver Hirschbiegels Hitler-Drama war eindringlich und historisch präzise.
- “Die Luftbrücke – Nur der Himmel war frei” (2005): Als Pilot verband er hier wieder Charisma mit historischem Stoff.
- “Der Baader Meinhof Komplex” (2008): Als Bundesanwalt Siegfried Buback verkörperte er erneut eine reale, tragische Figur der deutschen Zeitgeschichte.
Ihre Wege kreuzten sich nur einmal bedeutend auf der Leinwand: 2001 in dem dramatischen Thriller “Der Tunnel”. Ferch spielte den Fluchthelfer Harry Melchior, Riemann seine Ehefrau Charlette. Der Film, basierend auf einer wahren Geschichte, zeigte beide in Hochform – er als entschlossener, getriebener Organisator, sie als emotional mitnehmende, leidende Frau an seiner Seite, die um ihre Familie und seine Sicherheit bangt. Es ist eine kraftvolle, gemeinsame Leistung, die unterstreicht, wie gut ihre darstellerischen Intensitäten sich ergänzen können.
Privatleben & Engagement: Die Personen hinter den Schauspielern
Auch abseits der Kamera führen Riemann und Ferch Leben, die von Überzeugung und Leidenschaft geprägt sind.
Katja Riemann ist nie eine rein privat lebende Schauspielerin gewesen. Sie ist eine vielbeachtete Sängerin (mehrere Alben, oft mit Chansons und politischen Liedern) und eine lautstarke Aktivistin. Sie engagiert sich seit Jahrzehnten für Menschenrechte, ist Botschafterin für Amnesty International und setzt sich insbesondere für die Rechte von Frauen und Geflüchteten ein. Ihr Privatleben hält sie weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus. Sie hat eine Tochter und ist bekannt für ihren unkonventionellen, von Freiheitsliebe geprägten Lebensstil.
Heino Ferch wirkt in der Öffentlichkeit eher zurückhaltend, ist aber ebenfalls in festen familiären Strukturen verwurzelt. Er ist seit 2000 mit der Schauspielerin Marie-Jeanette Ferch verheiratet, mit der er zwei Töchter hat. Die Ehe gilt als eine der beständigsten im deutschen Filmgeschäft. Sein Engagement zeigt sich weniger politisch laut, dafür aber in seiner Verbundenheit zur Theaterarbeit, zu der er immer wieder zurückkehrt, und in seiner Liebe zum Segeln, ein Hobby, das ihm in der hektischen Branche Balance gibt.
Kurioses & Besonderheiten: Was Sie vielleicht nicht wussten
- Katja Riemanns musikalische Wurzeln: Bevor sie zur Schauspielerei kam, war sie eine ausgebildete klassische Sängerin. Diese Ausbildung ist in ihrer klaren, ausdrucksstarken Sprechstimme immer hörbar.
- Ferchs zweite Leidenschaft: Heino Ferch ist ein leidenschaftlicher und erfahrener Segler. Die Seefahrt und das Meer sind ein wichtiger Gegenpol zu seiner Arbeit als Schauspieler.
- Riemanns politischer Mut: Sie erhielt 1998 das Bundesverdienstkreuz – und gab es 2016 zurück aus Protest gegen die Asylpolitik der Bundesregierung. Eine Geste, die ihr viel Respekt, aber auch Kritik einbrachte.
- Ferch als Synchronsprecher: Seine markante Stimme ist auch hinter der Kamera gefragt. Er sprach unter anderem John Travolta in “Michael” oder lieh seine Stimme Charakteren in Animationsfilmen wie “Findet Nemo”.
- Eine fast-Begegnung der besonderen Art: Beide waren in ihren Karrieren Teil von Ensembles, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzten – sie in “Rosenstraße”, er in “Der Untergang” und “Der Baader Meinhof Komplex”, was ihre Sensibilität für deutsche historische Aufarbeitung unterstreicht.
Fazit: Zwei Säulen des anspruchsvollen deutschen Films
Katja Riemann und Heino Ferch sind mehr als nur beliebte Schauspieler. Sie sind Institutionen. Riemann verkörpert mit ihrer Kunst, ihrer Musik und ihrem Aktivismus die engagierte, mutige Künstlerin, die sich nicht scheut, Haltung zu zeigen. Ferch steht für handwerkliche Perfektion, intensive Recherche und die Fähigkeit, komplexe, oft historische Männlichkeitsbilder mit Tiefe und ohne Klischees zu füllen. Sie repräsentieren zwei unterschiedliche, aber gleichermaßen essentielle Facetten des deutschen Kinos: die laut denkende, gesellschaftlich involvierte Stimme und den still beobachtenden, sich ganz in den Dienst der Rolle stellenden Charakterdarsteller. Ihre gemeinsame Arbeit in “Der Tunnel” bleibt ein starkes Zeugnis dessen, was entsteht, wenn diese beiden Kräfte zusammentreffen: großes, fesselndes Kino.
