Ein hoher Hämoglobinwert im Blutbild wird oft fälschlich als positive Nachricht interpretiert – als Zeichen besonderer Kraft und Vitalität. In Wahrheit ist ein über die Norm erhöhter Hämoglobinspiegel, medizinisch als Polyglobulie oder Erythrozytose bezeichnet, ein ernstzunehmender Befund, der einer gründlichen Abklärung bedarf. Er ist kein Krankheitsbild an sich, sondern ein Symptom, ein Hinweis darauf, dass im Körper ein Prozess aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Ursachen, die potenziellen Risiken und die notwendigen diagnostischen und therapeutischen Schritte, wenn das Hämoglobin zu hoch ist.
Die Grundlagen: Was Hämoglobin ist und wann es “zu hoch” gilt
Hämoglobin (Hb) ist das eisenhaltige Protein in unseren roten Blutkörperchen (Erythrozyten), das für den Sauerstofftransport von der Lunge zu jedem Gewebe und für den Rücktransport von Kohlendioxid verantwortlich ist. Seine Konzentration wird in Gramm pro Deziliter (g/dl) gemessen. Die Referenzbereiche sind geschlechtsabhängig:
- Männer: ca. 14,0 – 17,5 g/dl
- Frauen: ca. 12,3 – 15,3 g/dl
Von einem zu hohen Hämoglobinwert spricht man, wenn die Messung wiederholt und unter standardisierten Bedingungen (z.B. nicht in starker Dehydrierung) Werte deutlich oberhalb dieser Grenzen ergibt. Entscheidend ist dabei stets der Hämatokrit (Hkt)-Wert, der den prozentualen Volumenanteil der roten Blutkörperchen am Gesamtblut angibt. Ein Hämoglobin zu hoch geht fast immer mit einem erhöhten Hämatokrit einher – das Blut wird “dicker”.
Die zwei Welten der Ursachen: Primäre und sekundäre Polyglobulie
Die Diagnostik unterscheidet grundsätzlich zwei Pfade, die zu erhöhten Werten führen.
1. Die sekundäre Polyglobulie: Eine Reaktion des Körpers
Hier ist die Vermehrung der roten Blutkörperchen eine angemessene Antwort des Knochenmarks auf einen chronischen Sauerstoffmangel (Hypoxie) oder eine unangemessene Reaktion auf andere Faktoren.
- Kompensatorisch bei Hypoxie: Der Körper versucht, die Sauerstofftransportkapazität zu steigern. Ursachen sind:
- Chronische Lungenerkrankungen (COPD, Schlafapnoe)
- Herzfehler mit Rechts-links-Shunt
- Langzeitaufenthalt in großer Höhe
- Starke Raucher (durch Kohlenmonoxid-Bindung, die funktionelle Hypoxie verursacht; “Smoker’s Polycythemia”)
- Nicht kompensatorisch: Hier wird vermehrt das Hormon Erythropoetin (EPO) gebildet, das die Blutbildung anregt, ohne dass ein Sauerstoffmangel vorliegt. Ursachen können Nierentumoren, Zysten oder Lebertumoren sein.
In diesen Fällen ist das Hämoglobin zu hoch, weil der Körper auf einen externen Stimulus reagiert.
2. Die primäre Polyglobulie (Polycythaemia vera): Eine Erkrankung des Knochenmarks
Dies ist eine seltene, chronische myeloproliferative Neoplasie (MPN), eine Krebserkrankung des blutbildenden Systems. Hier liegt ein genetischer Defekt (meist die JAK2-Mutation) in der blutbildenden Stammzelle vor. Das Knochenmark produziert autonom, also ohne äußeren Anlass wie Sauerstoffmangel, überschießend rote Blutkörperchen, oft auch weiße Blutkörperchen und Thrombozyten. Die Polycythaemia vera ist daher eine eigenständige, ernste Erkrankung, die einer speziellen Behandlung bedarf. Hier ist das Hämoglobin zu hoch, weil die Regulation der Blutbildung im Knochenmark selbst defekt ist.
Die Gefahren des “dicken Blutes”: Warum ein zu hoher Hämoglobinwert riskant ist
Die Hauptgefahr liegt in der veränderten Fließeigenschaft des Blutes – der erhöhten Viskosität. Je höher der Hämatokrit, desto “zähflüssiger” wird das Blut.
- Thrombotische Risiken: Zähflüssiges Blut fließt langsamer, insbesondere in den kleinen Gefäßen. Dies erhöht die Neigung zur Gerinnselbildung (Thrombose) massiv. Betroffen sein können sowohl Venen (tiefe Beinvenenthrombose, Lungenembolie) als auch, besonders gefürchtet, Arterien (Herzinfarkt, Schlaganfall, Milz- oder Lebervenenverschluss).
- Durchblutungsstörungen: Die Mikrozirkulation leidet. Symptome können sein: Schwindel, Kopfschmerzen, Tinnitus, Sehstörungen, ein gerötetes Gesicht (Plethora), Juckreiz nach warmem Duschen (Aquagener Pruritus) und Missempfindungen in Händen und Füßen.
- Belastung für Herz und Kreislauf: Das Herz muss gegen einen erhöhten Widerstand anpumpen, was auf Dauer zu einer Herzschwäche führen kann.
Ein isoliertes Hämoglobin zu hoch ist daher nie eine Bagatelle, sondern ein kardiovaskulärer Risikofaktor ersten Ranges.
Diagnostischer Pfad: Vom Blutbild zur Ursache
Die Abklärung folgt einem strukturierten Schema:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Fragen zu Rauchgewohnheiten, Atemproblemen, Schlaf, Aufenthalten in großer Höhe, Thrombosen in der Vorgeschichte. Suche nach Zeichen wie Gesichtsrötung oder Milzvergrößerung.
- Erweitertes Labor: Neben dem großen Blutbild werden bestimmt: der EPO-Spiegel im Serum (typischerweise erniedrigt bei Polycythaemia vera, erhöht bei sekundären Formen), Nieren- und Leberwerte, Eisenstatus.
- Molekulargenetische Diagnostik: Der Nachweis der JAK2-V617F-Mutation oder ähnlicher Mutationen ist wegweisend für die Diagnose einer Polycythaemia vera.
- Weitere Untersuchungen: Je nach Verdacht können Lungenfunktionstest, Schlafapnoe-Diagnostik, Echokardiographie des Herzens oder bildgebende Verfahren von Nieren und Leber folgen.
Erst dieser Pfad klärt, ob das Hämoglobin zu hoch als harmlose Reaktion oder als Ausdruck einer schwerwiegenden Systemerkrankung zu werten ist.
Therapie: Senken des Risikos, nicht nur des Wertes
Die Behandlung richtet sich strikt nach der Ursache.
- Bei sekundärer Polyglobulie: Therapie der Grunderkrankung steht im Vordergrund. Bei COPD optimale Inhalationstherapie, bei Schlafapnoe CPAP-Behandlung, bei Rauchern Nikotinkarenz. Nur bei sehr hohen Werten und Symptomen kommt als mechanische Maßnahme der Aderlass (Phlebotomie) in Frage, um den Hämatokrit akut zu senken.
- Bei Polycythaemia vera: Hier ist die Behandlung zwingend notwendig, um thrombembolische Komplikationen zu verhindern. Sie basiert auf drei Säulen:
- Aderlass: Ziel ist es, den Hämatokrit konsequent unter 45% zu halten. Dies ist die wirksamste Methode, um das Thromboserisiko sofort zu reduzieren.
- Medikamentöse zytoreduktive Therapie: Bei Patienten mit hohem Risiko (Alter >60 Jahre oder Thrombose in der Vorgeschichte) kommen Tabletten wie Hydroxycarbamid oder Interferon-alpha zum Einsatz, um die krankhafte Zellproduktion im Knochenmark zu unterdrücken.
- Thrombozytenaggregationshemmer: Meist niedrigdosierte Acetylsalicylsäure (ASS), um die Verklumpungsneigung der Thrombozyten zu reduzieren.
Ziel ist nie nur die Normalisierung eines Laborwertes, sondern die Minimierung des individuellen Risikos für lebensbedrohliche Gefäßkomplikationen.
Fazit: Ein Warnsignal, das Expertise verlangt
Ein Hämoglobin zu hoch ist ein klinisches Warnsignal, das respektiert und entschlüsselt werden muss. Es ist ein sichtbarer Marker für eine unsichtbare Störung, deren Bandbreite von der behandelbaren Lungenerkrankung bis zur chronischen Blutkrebserkrankung reicht. Die pauschale Empfehlung “trinken Sie mehr” greift hier fatal kurz. Stattdessen ist eine differenzierte hausärztliche und häufig hämatologische Abklärung der Schlüssel. Die gute Nachricht: Sowohl die sekundären Formen als auch die Polycythaemia vera sind heute gut behandelbar. Ein rechtzeitiges Erkennen und Einleiten der richtigen Therapie kann die schwerwiegenden Komplikationen des “dicken Blutes” wirksam verhindern und eine normale Lebenserwartung und -qualität ermöglichen. Ignorieren Sie diesen Befund also nicht – lassen Sie ihm nachgehen.
